Zur Übersicht

Neue Brennerei mit Strahlkraft im Thurgau

Aufgrund des Kaufs einer kleinen Brennerei verschlägt es das Schweizer Ehepaar Martina und Andreas Bössow von Dubai nach Strohwilen (TG). Nach einer fünfjährigen Aufbauphase hat nun die daraus entstandene «Macardo Swiss Distillery» ihren Betrieb aufgenommen. Damit glänzt im Thurgau ein neuer Stern am Spirituosenhimmel.

Am 28. November 2020 eröffnet die «Macardo Swiss Distillery GmbH» offiziell ihren auffallenden Neubau auf dem Thurgauer Seerücken in Strohwilen. Innerhalb von fünf Jahren entwickelte sich aus der ehemals kleinen Brennerei ein neuer Stern am Schweizer Spirituosenhimmel. Die «Macardo-Welt» beinhaltet nicht nur eine Brennerei, sondern auch ein innovatives Fasslager, ein Bed & Breakfast, eine Eventlocation, eine Bar mit Cigar Lounge und einen Walk-in-Shop. Zum Mediananlass Mitte November kamen neben dem Architekten Florian Öttl auch Augustin Mettler, Präsident von «Die Schweizer Brenner», Rolf Müller, Geschäftsführer von Thurgau Tourismus und der Regierungsratspräsident vom Kanton Thurgau, Walter Schönholzer. «Es ist ein Bauprojekt für mehrere Millionen Franken, wie es Strohwilen noch nie gesehen hat», meinte Schönholzer einleitend und bedankte sich für die Arbeit und die Investitionen des Inhaber-Ehepaares Martina und Andreas Bössow.

Von Dubai nach Strohwilen

Der Bündner Andreas Bössow, der viele Jahre lang mit seiner Familie in Dubai lebte und dort eine erfolgreiche Handelsfirma betrieb, war im Herzen schon immer ein leidenschaftlicher Brenner. Seine Frau Martina verrät: «Seit jeher lagen auf seinem Nachttischchen Fachbücher über das Brennen.» Da es in der Schweiz bis heute nicht möglich ist, sich das Brenner-Handwerk professionell anzueignen, besuchte der Autodidakt regelmässig Kurse in Deutschland, Österreich und Italien. Vor fünf Jahren wurden Bössows von einem Freund darüber informiert, dass im thurgauischen Strohwilen eine kleine Brennerei zum Verkauf stand, die in einer alten Käserei untergebracht war. Und nach gerademal 30 Tagen waren sich die Namensgeber und Gründer von Macardo, Marco Frauchiger und Bernardo Lamberti, sowie die Bössows handelseinig. «Es war eine Bauchentscheidung. Die Strategie definierten wir erst später», so das Ehepaar. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt war klar: «Früher oder später braucht es mehr Platz».

Das Trio ist komplett

Ein wichtiges Puzzleteil für ihr Projekt fand das Unternehmerpaar in Dubai: den mehrfach ausgezeichneten Brennmeister aus dem Bregenzerwald, Bartholomäus Fink. Seit dem Beginn steht er am Brennkessel der Destillerie und überzeugt nicht nur Whisky-, Rum- und Ginliebhaber mit seinen Kreationen, sondern auch die Fachjurys namhafter Wettbewerbe, wie zum Beispiel jene des IWSC in London, der CWSA in China oder bei der Ostschweizer Edelbrandprämierung. «Ohne ihn hätten wird das nie geschafft», weiss das Ehepaar. Die Destillerie wird mit Holz aus der Region befeuert und beheimatet zwei Destillationsapparate. Bei Bedarf unterstützt eine Solaranlage den Brennprozess. Zusätzlich wird die Produktion auf die aktuelle Wetterlage abgestimmt: Die Maischen werden zum Beispiel dann aufgekocht, wenn die Solaranlage viel Strom liefert. Die Abwärme der Destillerie wird der Erdsonden-Wärmepumpe zugeführt. Während im Neubau die neuste Technik vertreten ist, setzen Bössows beim Maischen, Gären und Destillieren auf die gute, alte Handarbeit.

Einzelfassaufhängung auf Stahlträgern

Das Fasslager entwickelte Bössow zusammen mit der Technischen Hochschule Winterthur. Jedes Fass lagert auf einem Stahlträger und jeder Träger ist mit einem Kraftmesssystem bestückt. Die Brennerei ermittelt mit der vollautomatisierten Fasslagerung Daten über Fassinhalt, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, die per Bluetooth an einen Zentralrechner übermittelt werden. Die Messdaten zeigen dem Kellermeister an, ob die Fässer dicht sind und wie viel Destillat pro Fass verdunstet. In der Regel beträgt der Verdunstungsverlust, den die Fachleute «Angels’ Share» nennen, bei der Holzfassreifung jährlich etwa 2 %. Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind vollautomatisch gesteuert und stetig überwacht. Anhand dieser Daten kann auch der «Devil’s Cut», das Gegenstück zum «Angels’ Share», erfasst werden. Beim «Devil’s Cut» spricht die Fachwelt von der Menge an Destillat, die beim Leeren eines Holzfasses in dessen Wänden verbleibt. Diese kann allerdings für das Finishing der nächsten im Fass reifenden Spirituose genutzt werden. In den ausgewählten Fässern wurde vorgängig Sherry, Portwein, Whisky oder Wein gelagert und sie stammen aus Amerika, Schottland, Portugal, Zypern und weiteren Herkunftsländern.

Energie- und Nachhaltigkeitskonzept

Das Energie- und Nachhaltigkeitskonzept wird im gesamten Neubau grossgeschrieben. Insbesondere nutzt die Brennerei Brennholz, Solarenergie, Erdwärme, Wasser aus eigener Quelle und regionale Zutaten. «Es wird kein Holzscheit, Wasser oder Rohstoff verschwendet», so Andreas Bössow. Sogar aus den Brennabfällen entsteht Biogas und das überschüssige Wasser gelangt bei einem nahegelegenen Bauernhof via Bewässerung der Felder oder Tränkung der Tiere in die Natur zurück. Ein geschlossener Kreislauf.

Ab vom Schuss und doch am Nerv der Zeit

Das Konzept der Macardo-Welt wirkt durchdacht und überzeugend. Dennoch liegt Strohwilen nicht gerade am Weg. Fast erwartet man den sprichwörtlichen Fuchs und den Hasen, die sich gute Nacht sagen. Doch vielleicht trifft genau dies den Nerv der Zeit. Schliesslich lautet das Credo des zuversichtlichen Bössows: «Ankommen, wohlfühlen und geniessen.» Nicht nur Business-Reisende und Touristen sollen hier ankommen, sondern auch die Einheimischen. Erst recht auf ihre Rechnung kommen die Freunde von Spirituosen und Destillaten, die es nun wohl ab und an nach Strohwilen ziehen wird.

Autor: Andrea Caretta

Zum Artikel

PDF Download
Drucken